René Moser Plastiker / Gestalter Zollikerstrasse 21 CH 8008 Zuerich Fon/Fax+41 52 625 74 17 moser.buergi@hispeed.ch

Werkwürdigung

Memorieren statt provozieren

Der Jäger & Sammler ist im Lauf der Evolution zum sesshaften Bauern geworden. Der Schaffhauser Künstler
R
ené Moser wurde im Lauf eines einzigen Jahrzehnts vom Sammler zum Er-Bauer.
Diesen Schritt als Fortschritt vom magischen ins rationale Zeitalter gleichzusetzen, wäre allerdings falsch, bzw. zu simpel
. Auch wenn es Vertreter der Geometrischen Kunst gibt, die nicht müde wurden & werden,
ihre Arbeit als die der modernen Zeit adäquate zu erklären, René Moser lässt sich da nicht täuschen,
die Beschäftigung mit der Geometrie hat ihn nicht zum Jünger des Quadrates gemacht.
Das Inventar der meisten Kunst-Geometriker reicht nicht wesentlich über die Logarithmentabelle hinaus,
die von einem Toggenburger namens Jost Bürgi entdeckt wurde,

der 1552 bis 1632 lebte & in Hessen bei Landgraf Wilhelm IV als Hofuhrmacher & Astronom in Dienst stand,
& es später sogar zu einer Ausstellung bei Kaiser Rudolf II in Prag brachte.
In einen Breuer Stuhl passt Jost Bürgi gleich wenig wie das Frühwerk René Mosers in die Zürcher Stiftung für konstruktive Kunst.
O
ptisch passt das nicht. Und konzeptuell ? Wenn Kunst nicht nach Aeusserlichkeiten beurteilt würde,
könnten sich die verschiedensten Brücken zwischen scheinbar Unüberbrückbarem ergeben.
Auch in Mosers wie er selber sagt: schamanistischen 1987 abgeschlossenen Frühwerk sind genau analysiert - konstruktive
Komponenten auszumachen.

René Moser ist allerdings zu sehr moderner Mensch, als dass ihn das Einmaleins des Spätmittelalters
oder der Renaissance in Bann schlagen könnte. Mir scheint seine Kunst jenen Erkenntnissen näher zustehen,
die erst das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, nur das 20. Jahrhundert hervorbringen konnte:
etwa die Lehre von C. G. Jung (
1875-1961). Jung hat den Menschen als anzentrales Wesen neu definiert,
in dem Uraltes, Sediment aus der ganzen Menschheitsgeschichte weiterlebt. Der Mensch ein Museum auf zwei Beinen.
Viele der früheren Kunstwerke René Mosers haben die Betrachter in ihre eigene, vorbewusste Frühgeschichte zurückgeführt,
mit verschüttetem Schamanentum & Zauberwesen konfrontiert. Aus Knochen & Knöchelchen, aus Tierschädeln,
Natursteinen, pflanzlichem Material & von Menschenhand gestalteten Fundobjekten schuf er komplexe Gebilde.
Immer wieder begegnete man Verpackungen, Umhüllungen, Umwicklungen.
Was sich unter der sichtbaren Schicht versteckt, lässt sich nur durch unsere Phantasie blosslegen.

In ihrer Konzeption ist die Arbeit von René Moser mit jener von Joseph Beuys verwandt,
der dem Betrachter seiner Werke Einblicke in Ursprüngliches vermitteln wollte,
einer beschädigten Ganzheitlichkeit einen Teil des Verlorengegangenem ersetzen wollte.

Kunst am Bau, Kunst im öffentlichen Raum ist Konzessionskunst, Kompromisskunst. René Moser macht sich da keine Illusionen.
Aber Laotse - Ueberzeugung, dass das weiche Wasser in Bewegung mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt,
bleibt für ihn ebenfalls eine Realität. Während andere Künstler vor ihren Kunst am Bau Realisierungen
resigniert auf den schönen Entwurf verweisen, versteht es René Moser Sachzwänge in inspirierende Momente zu verwandeln.
1988 bekam er die Chance, in Winterthur einen nicht sonderlich grosszügig konzipierten Eingangsbereich zu gestalten,
den sich eine Versicherung & eine Baufirma teilen.
Mit einem einfachen auf die Räumlichkeit optimal abgestimmten Konzept ist es ihm gelungen,
die Eingangszone in einen unantastbaren Bereich zu verwandeln, der nicht einfach von aussen nach innen führt,
sondern einen Umweg in einen Bereich ausserhalb von Raum & Zeit schafft.
Ein gewaltiges Brecheisen in einem Holzfutteral, St. Triphon Kalkstein, von Menschenhand gebrochen & im Naturzustand:
mit diesen disparaten Requisiten baut René Moser eine Szenerie von zwingender innerer Logik auf.
Er zwingt die Sachzwänge mit Sanftheit zu Boden, behauptet seine Autorität, indem er seiner eigenen Verletzlichkeit Ausdruck gibt.

1991/92 benützte René Moser zum letzten Mal auf leicht lesbare Weise das schamanische, magisch-mythische Formenrepertoire.
Für die Zuger Schulanlage Herti baute er eine archäologische Stein-Simulation auf, bestehend aus einem Turm-Thron-Teil,
einem Graben & einer Blockreihe.
Diese Situation weckt einerseits auf geschichtslosem Terrain in die Vergangenheit zurückführende Assoziationen
& verändert anderseits das Gelände so, dass es die kindliche Motorik anregt, zum klettern, rennen, sich verstecken usw. animiert.

Seither ist sein plastisches Instrumentarium immer einfacher geworden.
Die formale Reduktion scheint mir dabei weit weniger wichtig als die inhaltliche Neudefinition.
René Moser hat in den neunziger Jahren das Assoziationspotenzial bewusst reduziert.

Parallel zur Herti-Arbeit & nach ihr, sind verschiedene plastische Konzepte entstanden,
die vom Geist der Konstruktivistischen Kunst geprägt scheinen, die sich aber im Lauf der Beschäftigung in einen noch
weit komplexeren Themenkreis fügen, etwa zu frühgeschichtlichen Architekturmonumenten Bezug nehmen.

Zwei Arbeiten sind es, die meiner Ansicht nach ganz besonders gefördert haben,
was heute im Zentrum des Interesse von René Moser steht: die Platzgestaltung in Neuhausen am Rheinfall (1987/90)
& in Ermatingen (1989/92). René Moser sah sich in Neuhausen einer so vertrauten wie fremden Situation gegenüber gestellt.
Auf einem Platz, wenige Dutzend Meter vom Haus entfernt, in dem er aufgewachsen war,
sollte ein neuer Dorfbrunnen geschaffen werden. Heute zeigt sich die Situation allerdings anders als zur Kinderzeit Renés.
Die Hofsituation wirkt synthetisch, das Dorf ist kein Körper mehr & hat entsprechend keine Mitte.
Der neue Dorfbrunnen kann dieses verlorene Zentrum nicht mehr schaffen. Mosers Dorfbrunnen lässt sich um die eigene Achse drehen,
das Zentrum selber bilden. Brunnen sind der Inbegriff des Gesicherten, die die Bewegung des Wassers ins ruhende Gefäss überführen.
René Moser verlegt Sicherheit in die Unsicherheit. Sein drehbarer Dorfbrunnen ist so dauerhaft konstruiert wie jeder andere
konventionelle Dorfbrunnen. Die mobile Tragkonstruktion kann wärschafter nicht sein. Das Währschafte ist aber zugleich das Veränderbare.
Dieser & andere Widersprüche sind immer wieder Motor der Moserschen Imagination.

In Ermatingen hat René Moser den Zwischen & Freiraum einer neuen Schulhausanlage gestaltet, zwingend in der
äusseren & inneren Logik. Einmal mehr hat René Moser hier den Mittelweg zwischen demonstrativer Sichtbarkeit
& das Gegenüber respektierender Zurückhaltung gefunden. Makellose Eisentechnologie trifft sich mit einer Poesie,
die sich der prosaischen Formulierung entzieht. Ermatingen liegt am Untersee, lag am Untersee Adolf Dietrichs.
Der See, die Schiffe, die Fische haben wohl im Bewusstsein der meisten Schüler weniger Präsenz als MTV.
Der Steg-Brunnen-Nachen mit dem Titel See, Fisch, Fischer, Schiff ist für René Moser ein Werk der Memoration,
gleichsam ein Denkmal, das ihn an seine eigene Jugend in Neuhausen am Rheinfall erinnert,
an die Weidlingsausflüge auf dem Rhein & See; es evoziert aber auch Bilder von lecken, auf Grund gesunkene,
oder überflutet am Ufer liegende Schiffe, Bilder, mit Geschichten verbunden nie erzählt, kaum gedacht.
See, Fisch, Fischer, Schiff ist für mich auch ein adäquates Denkmal für Adolf Dietrich aus dem nahen Berlingen,
der seinen See so sehr geliebt, aber kaum je ein Schiff in Bewegung gemalt hat, mit Ausnahme des brennenden Dampfschiffes.
Umso mehr hat es ihm wie René Moser der Steg & das vom Wasser verschlungene Geheimnis angetan.
Die physische Eroberung des Wassers hat er der Imagination überlassen.

Für die Skulpturentriennale in Bex 1993 im wunderschönen Szilassy-Park realisierte René Moser die weiss-lackierte
monumentale Eisenplastik mit dem vielsinnigen Titel Gefasstes Volumen .
Der französische Titel lautet: Volume calme. Gefasstes Volumen verweist also nicht nur auf einen umschlossenen Körper,
wie das
Projektil im Rohr, wie der Edelstein in der Fassung, wie der Wetzstein im Horn oder Holzköcher,
nein, diese Formen bewahren auch ihre Fassung, lassen sich nicht aus der Ruhe bringen.
Beim Gespräch über diese Arbeit nennt René Moser auch den Begriff Arche :
im Wasser vermöchte diese Hohlplastik tatsächlich schwimmen, mit senkrecht in die Höhe ragender Spitze.
Eher erinnert mich das Gebilde an eine gigantische Flaschenpost, die sich nur von einem gewieften Mechaniker physisch knacken lässt,
die man sich wohl leichter mit dem Kopf, imaginativ öffnet.
Das Kernstück der Plastik bildet ein 14kantiger geometrischer Körper mit der Seitenfläche eines langgestreckten Rhomboids.
Die unteren zwei Fünftel stecken satt in einem Eisenfutteral, das so einfach wie kunstvoll verstärkt ist.
Die längere Mittelachse des Doppelkeils weist leicht in die Höhe & weckt so unvermeidlich Assoziationen,
die in Richtung Geschützstellung, Abschussrampe führen. Die Masse wirkt gewaltig:
195-600-410 Zentimeter mag schon quantitativ zu überzeugen. Vor allem aber schuf das Bedrohliche, das Aggressive,
das dem Gefassten Volumen ebenfalls eigen ist, eine sehr fruchtbare Spannung zur Idyllik der Kunstoase im Szilassy-Park über Bex.
Unweit vom damaligen Ausstellungsstandort ist das Werk auf einer minimalen Anhöhe neben der N9 aufgebaut.
In dieser Umgebung, Autobahn & Hochspannungsmasten, wirkt die Monumentalplastik nicht mehr als geländebestimmenden Akzent,
sondern als Irritationsmoment, als verhältnismässig kleiner Fremdkörper, der aus dem fahrenden Auto heraus
nur einige Sekundenbruchteile lang wahrgenommen werden kann.
Der Flash heisst Befremdung, heisst irritiertes Befragen des blitzschnell Wahrgenommenen.
Dank der geometrischen Prägnanz des Assoziationskörpers kann der Automobilist beim mehrmaligen Befahren der Strecke
die nur schräg seitlich wahrgenommene Plastik allmählich im Kopf zu einem Ganzen fügen & sie gedanklich umkreisen,
ohne die Autobahn verlassen zu müssen.
René Mosers Gefasstes Volumen steht also am Rand der Strasse,
am Rand des Gesichtsfeldes des Passanten & am Rand der Aufmerksamkeit.
Das kann für ein Kunstwerk eine Chance sein. Baudelaires Lob der Imagination kann ebenso gut auf Körper
wie auf Räume bezogen werden:
Wer von aussen her durch ein offenes Fenster blickt, sieht niemals so viele Dinge wie einer,
der ein geschlossenes Fenster betrachtet. Es gibt nichts Tieferes, Geheimnisvolleres, Ergiebigeres,
nichts, das mehr von Finsternis & blendendem Glanz erfüllt ist, als ein von einer Kerze erleuchtetes Fenster....
In diesem schwarzen oder leuchtenden Loch lebt das Leben, träumt das Leben, leidet das Leben.

Peter Killer 1994/95

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